| Die Rekonstruktive Chirurgie befasst sich
in erster Linie mit der Wiederherstellung von Form und Funktion
nach Unfällen und Tumoroperationen sowie mit der Korrektur
angeborener Fehlbildungen. In das Aufgabengebiet des Rekonstruktiven
Chirurgen fallen die Rekonstruktion der Haut und der Weichteile,
die Rekonstruktion von Muskeln und Sehnen, Knochen und Knorpel sowie
die Chirurgie der peripheren Nerven. Dank ihrer filigranen Operationsmethoden
ist die Mikrochirurgie ein wichtiger Bestandteil der Rekonstruktiven
Chirurgie.
Für den Rekonstruktiven Chirurgen ist die
spezielle Kenntnis der Durchblutungsmuster der verschiedenen Gewebe
von äußerster Wichtigkeit. Nur Gewebe, das gut durchblutet
ist und damit eine ausreichende Sauerstoffzufuhr erhält, kann
für die Rekonstruktionen eingesetzt werden. So kann beispielsweise
ein durch einen Unfall entstandener Haut- oder Weichteildefekt am
Unterschenkel durch die Verschiebung von Muskulatur oder Muskel-
und Hautgewebe aus der Wade oder durch mikrochirurgische Verpflanzung
von Gewebe aus anderen Körperregionen verschlossen werden.
In den letzen Jahren hat die Brustrekonstruktion
nach Tumoroperationen bzw. Amputationen immer mehr Beachtung gefunden.
In diesem Aufgabenfeld haben sich verschiedene Verfahren etabliert:
der Aufbau durch Prothesen, durch verschobenes Gewebe vom Rücken
oder die mikrochirurgische Verpflanzung von Bauchhaut-Fett.
Aktuelle Fortschritte der Rekonstruktiven Chirurgie
5 Gebiete seien erwähnt, auf denen in der
letzten Zeit Fortschritte erzielt wurden, die die Entwicklung der
modernen plastischen Chirurgie entscheidend geprägt haben:
Gefäßgestielte Lappenplastiken
Die Deckung von Defekten ist die häufigste
Aufgabe der plastischen Chirurgie. Dazu wird Gewebe verlagert und
verpflanzt. Grundlage ist die Geometrie des verlagerten Lappens,
d.h ein tolerables Längen-/Breitenverhältnis von maximal
2 : 1 sowie bei der Verpflanzung eine ausreichend breite Kontaktfläche
und eine ausreichend lange Zeitspanne für die Einheilung des
Lappens.
Der entscheidende Fortschritt in Form der gefäßgestielten
Lappen war die konsequente Nutzung der Tatsache, dass die Durchblutung
des zu verlagernden Gewebes auch nur über einen Gefäßstiel
allein sichergestellt werden kann, d.h. über eine zuführende
Arterie und mindestens eine abführende Vene. Der Verzicht auf
eine Gewebsbrücke ausreichender Breite ergab erhebliche zusätzliche
Freiheitsgrade bei der Verlagerung solcher Lappen.
Die Tatsache der mikrochirurgischen Verpflanzung
erlaubte zudem den Verzicht auf langwierige Zwischenphasen, während
deren früher der gesamte Wanderlappen an der Spender oder Empfängerregion
zugleich fixiert werden musste - meist mit sehr unangenehmen Zwangshaltungen
für den Patienten.
Mikrochirurgie
Die Einführung des Mikroskops in der Chirurgie
der peripheren Nerven erlaubte erstmals eine ausreichend präzise
Bearbeitung dieser mit dem bloßen Auge nicht ausreichen beurteilbaren
Strukturen. Die Ergebnisse der Nervenwiederherstellung konnten dadurch
entscheidend verbessert werden. Eine weitere Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten
hat die Mikrochirurgie vor allem durch die Mikrogefäßchirurgie
gebracht, mit der die freie Verpflanzung von Körpergewebe mit
Blutgefäßanschluss möglich wurde.
Replantation und freie Gewebsverpflanzung
Die mikrochirurgische Naht kleinster Blutgefässe
erlaubt einerseits die Erhaltung abgetrennter Finger, Hände
oder Füße durch Replantation und andererseits die freie
Verpflanzung großer Gewebsabschnitte von einer Stelle des
Körpers zu einer anderen. Vor allem für die freie Gewebeverpflanzung
ist ein hohes Maß an technischer Sicherheit bei der mikrochirurgischen
Gefäßnaht erforderlich, da sonst der Verlust des gesamten
Transplantates droht. Es wurden inzwischen viele verschiedene freie
Gewebetransplantate entwickelt, so dass es nun möglich ist,
große Hautareale, Muskeln, Knochen einzeln aber auch zusammen
an einem Gefäßstiel zu übertragen.
Expandertechnik
Die extreme Dehnbarkeit der menschlichen Haut ist
sicher ein bekanntes Phänomen. Man denke nur an die enorme
Dehnung der Bauchhaut und der Brusthaut im Rahmen der Schwangerschaft.
In systematischer Form wurde diese Eigenschaft der Haut jedoch erst
seit der Einführung der Expandertechnik genutzt. Man gewinnt
durch Volumenvermehrung in einem unter der Haut eingepflanzten Reservoir
einen Überschuss an Hautoberfläche, der dann nach Entfernung
des Reservoirs zur Defektdeckung in nächster Nähe genutzt
werden kann.
Knochendistraktion
Diese Methode wurde primär in der Orthopädie
eingesetzt, gewinnt aber in der Plastischen Chirurgie zunehmend
Bedeutung. Sie beruht auf der Beobachtung, dass durch langsame Dehnung
an einem durchtrennten Knochen die Knochenneubildung in so starkem
Maße angeregt werden kann, dass eine Verlängerung um
mehrere Zentimeter möglich wird. Dabei wird nicht nur der Knochen
selbst verlängert, sondern auch die umgebenden Weichteile.
In der plastischen Chirurgie ist dies von Bedeutung, z.B. bei der
Behandlung angeborener Fehlbildungen des Mittelgesichtes, bei der
Asymmetrie des Unterkiefers und bei der Behandlung der Klumphand
oder zur Daumenrekonstruktion.
Endoskopie
Die Chirurgie durch das Endoskop hat erst relativ
spät Eingang in die Plastische Chirurgie gefunden. Als minimal
invasive Chirurgie mit kleinen Zugangswegen, die weit entfernt vom
eigentlichen chirurgischen Geschehen angelegt werden können,
hat sie bis jetzt vor allem dort eine Anwendung gefunden, wo Narben
sehr störend sind. Durchgesetzt hat sie sich z.B. beim endoskopischen
Stirnlift. |